1) Bedeutung des Namens
2) Geographische Gegebenheiten
3) Bevölkerung
4) Ackerbau
5) Bergbau
6) Gewerbe
7) Handel
8) Verwaltung
9) Kirchen- und Schulwesen
10) Geschichte
11) Stadtansichten
12) Beschreibungen der Beuthener
Umgebung
Quelle für Nr. 1-9 : Felix Triest, Topographisches Handbuch von Oberschlesien, 1864/65
Beuthen, im Gegensatz zu Nieder Beuthen oder Beuthen an der Oder auch Ober Beuthen genannt, heißt in den Urkunden Bythom, Bytóm, Byti, Büthum, latenische Bithonia, civitas bythomiensis. Das Wort Bytom soll von dem slawischen byti mit dem ursprünglichen Begriff des Wohnens, Bauens (daher Bytom gleich mansio, Niederlassung) herstammen. Die jetzt übliche Version des Namens "Beuthen" wird seit etwa 1450 in den meisten deutschen Urkunden gebraucht. Die Jägerndorfer Markgräfliche Kanzlei schrieb nach fränkischer Aussprache nicht selten : Peithen, Peutenn.
2) Geographische Gegebenheiten
Beuthen liegt unter dem 50° 24´ nördlicher Breite und 36° 41´ östlicher Länge, nach Sadebecks Messungen 879 Fuß über der Meeresfläche, in einer hügeligen Gegend. Von Oppeln ist es in südöstlicher Richtung 11,12 Meilen, von Breslau in der selben Richtung 24 Meilen, von Krakau in nordwestlicher Richtung 12 Meilen, von Pleß in nördlicher Richtung 6 Meilen und von Gleiwitz in östlicher Richtung 3 Meilen entfernt. Die polnische Grenze, durch die Brinitza gebildet, zieht sich westlich in einer Entfernung von etwas über einer halben Meile hin. Das Gesamtareal der Stadt mit dem Schwarzwald und Dombrowa beträgt 10.538 Morgen, von welchen 7188 landwirtschaftlich genutzt werden, 3302 durch Häuser und Höfe und 48 durch Wege und Gewässer eingenommen sind. Von der landwirtschaftlich benutzen Fläche sind 50 Morgen Gärten, 3276 Morgen Ackerland, 30 Morgen Wiesen und 3832 Morgen Forstland; von der Haus-, Hof-, Wege- und Gewässerfläche gehören 694 Morgen der eigentlichen Stadt und 2656 Morgen den Vorstädten an.
Die Einwohnerschaft von Beuthen, welche sich im Jahre 1800 auf nicht mehr als 1717 (wovon 591 unter und 1126 über 14 Jahre) belief, war im Jahre 1849 bereits auf über 5912 (wovon unter 14 Jahren 992 Knaben und 993 Mädchen und über 14 Jahre 1833 Personen männlichen und 2094 Personen weiblichen Geschlechts) gestiegen und hatte 1861 sogar einschließlich Dombrowa 9448 Seelen erreicht. Grafik zur Bevölkerungsentwicklung Beuthens 1750-1925
Ein Teil der Bewohner Beuthens treibt Landwirtschaft. Denselben gehören 80 Besitzungen von weniger als 5 Morgen mit zusammen 376 Morgen, 109 Besitzungen von 5 bis 30 Morgen mit zusammen 2800 Morgen und 3 Besitzungen von über 30 Morgen mit zusammen 180 Morgen. Die städtische Feldmark bildet die Grenze zwischen dem Steinkohlen- und Galmeirevier, liegt aber zum größeren Teile in dem letzeren. Die Mächtigkeit des Mutterbodens beträgt im kleinen und großen Felde meist 7 bis 9 Zoll, im Paniower 10 bis 12, im Knofflikowski'schen selten mehr als 6 Zoll. Darunter liegen, namentlich im letzeren Felde, ganze Massen von Sand, magerer Lette und Eisenerzen. Der Sand besteht meist aus feinen Quarzkörnchen, welche beim Regen die Poren des Bodens verstopfen und deshalb die Vegetation hindern. Bei nassen Jahren ist die Ertragsfähigkeit deshalb eine geringe. Aus einem protokolle von 1539 ist ersichtlich, daß man schon damals außer den gewöhnlichen Getreidesorten auch Kraut, Flachs, Hanf, Hirse und Wasserrüben anbaute. In den Gärten kamen Mohrrüben, Zwiebeln und Hopfen vor. Der Viehbestand beträgt zur Zeit 457 Pferde, 397 Stück Rindvieh, 9 Schafe, 81 Schweine und 40 Ziegen.
Ein anderer Teil der Einwohner ernährt sich von Bergarbeit. Auf südlichem Terrain erden in der Theresia- und der Apfelgrube Galmei, sonst nur Eisenerze gewonnen. Die Theresiagrube liegt etwa 1/4 Meile westlich von Beuthen, zählt 11 Wohnhäuser und produzierte 1858 690.933 Zentner Galmei. Die Apfelgrube, hinter der Theresia an der Eisenbahn, hat 2 Wohnhäuser und lieferte in demselben Jahre 442.435 Zentner Galmei. Die Rococogrube, mehr an der Tarnowitzer Vorstadt gelegen, liegt jetzt in Fristen. Den vorzüglichen Verdienst für die städtischen Bergarbeiter gewähren indessen die um die Stadt herum liegenden, nicht zu derselben gehörigen Gruben und Hütten.
Einem dritten Teile der Bürger gewähren
endlich Gewerbe und Handel den Unterhalt. An größeren
Fabriken
ist jedoch nur die Guttmannsche Dampfmühle in der Krakauer
Vorstadt
zu nennen. Die Gewerbetabelle für 1861 weist nach : 2
Wattenfabriken,
1 Leinewebestuhl, 3 Webestühle als Nebenbeschäftigung, 2
Färbereien,
2 Eisenwerke mit 7 Hochöfen und 2 Kuppelöfen, 10 Dirigenten
und
62 Arbeitern; 3 Zinkwerke mit 4 Dirigenten, 76 männlichen und 24
weiblichen
Arbeitern; 2 Koks- und Gasbereitungsanstalten mit 34 Arbeitern; 1
Tabakfabrik;
4 Bierbrauereien; 4 Branntweinbrennereien und 27 Dampfmaschinen mit
1270
Pferdekraft.
Ferner : 28 Bäcker, 7 Konditoren, 41 Fleischer, 1 Gärtner,
5 Barbiere, 1 Friseur, 2 Abdecker,
4 Gerber, 3 Seifensieder, 1 Tintenfabrikant, 5 Töpfer, 3 Glaser,
5 Maurermeister mit 42 Gehilfen,
6 Zimmermaler, 4 Zimmermeister mit 54 Gehilfen, 1 Dachdecker, 1
Steinsetzer,
1 Schornsteinfeger, 4 Stellmacher, 22 Schmiede mit 69 Gehilfen und 6
Lehrlingen,
17 Schlosser mit 39 Gehilfen und
7 Lehrlingen, 1 Nadler, 1 Gürtler, 1 Kupferschmied, 2
Gelbgießer,
10 Klempner, 1 Goldarbeiter,
1 Steinschneider, 1 Verfertiger musikalischer Instrumente, 3 Uhrmacher,
3 Leinenspinner,
2 Wattenmacher, 4 Seiler, 1 Tuchscheerer, 2 Färber, 96 Schuhmacher
mit 59 Gehilfen und
21 Lehrlingen, 2 Handschuhmacher, 17 Kürschner, 12 Riemer, 75
Schneider, 17 Schneiderinnen,
2 Putzmacher, 1 Putzmacherin, 4 Hutmacher, 43 Tischler, 11
Böttcher,
2 Tapeziere, 4 Drechsler,
2 Kamm-Macher, 1 Bürstenbinder, 6 Buchbinder und 5 Musiker mit
21 Gehilfen, endlich :
9 Kaufleute ohne offenen Laden mit 2 Commis, 77 Kaufleute mit offenen
Laden mit 63 Commis,
9 Krämer, 3 Bankiers, 2 Makler, 11 Agenten, 20 Fuhrleute mit 216
Knechten und 241 Pferden,
9 Gasthöfe, 12 Speisewirte, 46 Schankwirte, 2 Buchdruckereien,
1 lithographische Anstalt,
1 Buchhandlung, 2 Leihbibliotheken und 1 Apotheke.
Die Handwerker sind in 7 Innungen mit 192
Mitgliedern
vereinigt. Diese Innungen sind die der Fleischer, der Schneider, der
Kürschner,
der Schuhmacher, der vereinigten Tischler, Böttcher, Stellmacher
und
Drechsler, der vereinigten Schmiede, Schlosser, Büchsenmacher,
Kupferschmiede,
Gürtler und Klempner und der Bäcker. Drei andere Innungen,
die
der Weber, der Tuchmacher und der Töpfer, von welchen die
erstgenannte
die älteste von allen ein Priviliegium vom Jahre 1459 hatte, sind
eingegangen.
Jährlich finden 5 Jahrmärkte (mit je Tage Vieh- und einem Tage Krammarkt) statt, welche nicht mehr besonders besucht werden. Chausseen führen von Beuthen nach Tarnowitz, Peiskretscham, Königshütte, Laurahütte, Deutsch Piekar und Morgenroth, Kommunalwege nach Lagiewnik, Maczeykowitz, Groß Dombrowka, Kamin, Brzezowitz und Neuhof. Die nächste Eisenbahnstation ist [1864] Karf an der Verbindungsbahn zwischen Tarnowitz und Morgenroth.
Der Magistrat besteht aus dem Bürgermeister,
welcher gleichzeitig die Polizeiverwaltung hat und Polizeianwalt ist,
dem
Beigeordneten und 4 Ratsherren; die Stadtverordnetenvesammlung
zählt
24 Mitglieder. An Deputationen fungieren : die Schulen, Armen- und
Hospital-,
Feuersozietäts, Sicherheit-, Sanitäts, Bau-,
Kämmereikassen-,
Forst-, Grenzregulierungs-, Servis- und Einquartierungs-, Polizei,
Bergbau-,
Straßenreinigungs-, Beleuchtungs- und Verschönerungs- und
Krankenhaus-Deputation.
Die Stadt ist in elf Bezirke eingeteilt. Von Gemeindewählern
stimmen
in der ersten Abteilung 55, in der zweiten 156 und in der dritten 568
Wähler.
Städtisch Beamte unter dem Magistrate sind : ein
Gemeinde-Einnehmer,
ein Stadtsekretär, ein Polizeisekretär, ein Polizeikommissar,
ein Polizeiwachtmeister, drei Polizeisergeanten, und in den Forsten ein
Forstverwalter, zwei Revierförster und ein Heger.
An königlichen Behörden haben in Beuthen
ihren Sitz : das Kreisgericht, zu den größten der Monarchie
zählend, das Landratsamt, die Kreissteuerkasse, verbunden mit dem
Nebenzollamte, der Kreisphysikus, der Kreis-Chirugus und der
Kreistierarzt,
ein Berggeschworener, das Postamt, ein Obergrenzkontrolleur und der
Kreisbaumeister.
Militär ist außer einem Bezirkfeldwebel, zwei Gefreiten und
drei Gendarmen nicht vorhanden. Auch die gräflich
Schaffgotsch'sche
Verwaltung nebst Berginspektion hat ihren Sitz in Beuthen.
Das Vermögen der Stadt besteht außer
dem Rittergute Groß Dombrowka und den Forsten Dombrowa und
Schwarzwald
in 242 Kuxen von 12 verschiedenen Steinkohlegruben, 143 Kuxen von 8
verschiedenen
Galmeigruben, 61 Kuxen der Bleierzgrube Friedrich Wilhelm, einigen
kleinen
Grundstücken (worunter die Worpiska mit 69 Morgen), dem Rathause,
dem früheren Garnisonsstall, der Garnison-Reitbahn, dem
Krankenhaus,
einem massiven Bauden- und Spritzenschuppen, zwei katholischen
Schulgebäuden
und drei Forstbeamtenwohnungen. Die jährliche Einnahme von Ausgabe
beläuft sich auf etwa 28.000 Thaler.
Gemeinnützige Anstalten sind : das
städtische
Hospital, das Krankenhaus (Etat etwa 4600 Thlr., die Pflege habe
Barmherzige
Schwestern des Ordens St. Vincenz de Paula), das Waisenhaus und eine
beträchtliche
Anzahl Vereine für Armenunterstützung, Krankenpflege,
Beerdigungen
etc. Seit 1858 besteht auch eine Kreissparkasse und seit 1847 eine
Sterbekasse
der sehr alten Schützengarde. Ein landwirtschaftlicher und
kaufmännischer
Verein, welcher letzere eine Fortbildungsschule für
Kaufmannslehrlinge
unterhält, sind in Wirksamkeit.
Die zahlreichste Gemeinde ist die katholische.
Mit
den zugehörigen Landgemeinden, nämlich Roßberg,
Guretzker
Kolonie, Hospitalgrund, Klukowitz, Pilkermühlen, Dombrowa,
Theresien-
und Apfelgrube, den Dörfern Mittel und Ober Lagiewnik mit dem
Eisenhüttenwerk
Hubertushütte und der Marienswunsch-Zinkhütte, Schomberg,
Orzegow,
Godullahütte, Schwarzwald und Morgenroth zählt dieselbe
14.500
Parochianen. Pfarrkirche ist die um das Jahr 1230 entstandene Kirche zu
Mariä-Himmelfahrt (Bild).
Die
noch ältere, schon um 1200 von dem Vinzenzstifte zu Breslau
gestiftete
Kirche zu St. Margareth liegt in Pilkermühl. Die Pfarrkirche,
zuletzt
in den Jahren 1852 bis 1857 vollständig restauriert, ist ein
gotisches,
in den Hauptmassen aus dem schiefrigen Kalkstein der Umgebung
aufgeführtes,
dreischiffiges Gebäude, mit drei im Achteck abschließenden
Chören,
von denen jedoch der südliche flach abgeschnitten ist.
Tochterkirchen
sind : die 1677 am Tarnowitzer Tore erbaute Trinitatiskirche, die St.
Hyazinthkirche
zu Roßberg, an Stelle der seit 600 Jahren bestehenden Kapelle
1801
massiv erbaut, und eine jetzt entstandene Kirche zu Schomberg. Die
Geistlichkeit
besteht aus einem Pfarrer und zwei Kaplänen, unter Beihilfe des
Kreisvikars.
Die evangelische Gemeinde, welche bereits im 16.
Jahrhundert einen eigenen Pfarrer gehabt hatte, dann aber sich zur
Tarnowitzer
Kirche hielt, ist seit 1836 wiederum im Besitzer einer Kirche. Das
evangelische
Kirchengebäude ist die neuerdings restaurierte Minoritenkirche.
Der
Geistliche hält abwechselnd einen Sonntag in Beuthen, den anderen
in Königshütte Gottesdienst. 1800 Seelen.
Auch die jüdische Synagoge mit einem Rabbiner
ist am Orte.
Die katholische Stadtschule besteht aus einer
Vorbereitungsklasse
für deutsche Knaben, einer unteren, einer mittleren und einer
oberen
deutschen Knabenklasse, einer Rektorklasse, einer kombinierten
polnischen
Klasse, einer polnischen Knabenklasse, einer polnischen
Mädchenklasse,
einer Vorbereitungsklasse für deutsche Mädchen, einer
unteren,
einer mittleren und einer oberen deutschen Mädchenklasse mit 12
Lehrern
und 1130 Schülern und Schülerinnen. Mit dieser Schule ist
einen
Industrieschule verbunden, in welcher 240 Mädchen unterrichtet
werden.
Außerdem besteht eine höhere katholische Töchterschule.
Die evangelische, erst 1843 errichtete Schule
besteht
einschließlich einer Rektoratsklasse aus 4 Klassen, in welchen
230
Kinder unterrichtet werden. Das Schulhaus ist 1857 mit einem Aufwande
von
13.000 Thalern erbaut worden.
Die jüdische Gemeinde hat seit 1861 eine eigene
gehobene Elementarschule mit 5 Lehrern, 164 Schülern und 129
Schülerinnen.